Vitamin-B-Komplex: Gut für die Nerven – aber können B-Vitamine die Nerven auch schädigen?

Vitamin-B-Komplexe gibt es wie Sand am Meer. In Drogerien, Apotheken und im Internet finden sich Präparate in nahezu allen Varianten und Preisklassen: einfache B-Komplex-Tabletten für wenige Euro, hoch dosierte Präparate, Depotkapseln, sogenannte aktive Vitaminformen und Produkte, die mit besonders hohen Dosierungen werben.

Die Versprechen klingen attraktiv. B-Vitamine werden mit einem normalen Energiestoffwechsel, einer normalen Funktion des Nervensystems und der psychischen Funktion, der Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung oder einer normalen Blutbildung in Verbindung gebracht – je nachdem, um welches B-Vitamin es sich handelt. Schnell entsteht dadurch der Eindruck: B-Vitamine sind gut für Energie und Nerven, und weil sie wasserlöslich sind, kann ein Überschuss schließlich einfach wieder ausgeschieden werden.

Ganz so einfach ist es jedoch nicht.

Denn „Vitamin B“ ist streng genommen gar kein einzelnes Vitamin. Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine Gruppe von acht unterschiedlichen Vitaminen: B1, B2, B3, B5, B6, B7, B9 und B12. Sie erfüllen unterschiedliche Funktionen im Körper, kommen teilweise in ganz unterschiedlichen Lebensmitteln vor, ein Mangel verursacht unterschiedliche Beschwerden – und auch hinsichtlich einer möglichen Überdosierung unterscheiden sie sich erheblich.

Gerade wer regelmäßig hoch dosierte Vitamin-B-Komplexe einnimmt, sollte deshalb wissen, was tatsächlich in seiner Tablette oder Kapsel steckt.

Vitamin B1 – Thiamin

Vitamin B1, auch Thiamin genannt, spielt eine wichtige Rolle im Energiestoffwechsel. Es wird insbesondere für den Kohlenhydratstoffwechsel benötigt und ist für die normale Funktion des Nervensystems von Bedeutung.

Wie hoch ist der Tagesbedarf?

Die empfohlene Zufuhr ist unter anderem vom Energiebedarf abhängig. Als Orientierung gibt die DGE für Erwachsene ungefähr folgende Werte an:

Frauen: etwa 1,0 mg pro Tag
Männer: je nach Alter etwa 1,1–1,3 mg pro Tag

Damit bewegt sich der normale tägliche Bedarf lediglich im Bereich von ungefähr einem Milligramm.

In welchen Lebensmitteln steckt Vitamin B1?

Gute natürliche Quellen sind Vollkornprodukte, Haferflocken und andere Getreideprodukte sowie Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen. Unter den tierischen Lebensmitteln ist insbesondere Schweinefleisch ein guter Thiaminlieferant.

Da Vitamin B1 wasserlöslich und gegenüber bestimmten Zubereitungsverfahren empfindlich ist, können beim Kochen und Verarbeiten Verluste entstehen.

Was passiert bei einem Mangel?

Ein ausgeprägter Thiaminmangel kann neurologische und kardiovaskuläre Folgen haben. Die klassische Mangelerkrankung ist Beriberi.

Besonders relevant ist ein schwerer Thiaminmangel bei chronischem Alkoholmissbrauch. Hier kann sich eine Wernicke-Enzephalopathie entwickeln. Typischerweise können dabei Bewusstseins- beziehungsweise Orientierungsstörungen, Augenbewegungsstörungen und eine Ataxie auftreten.

Was passiert bei einer Überdosierung?

Eine klassische orale Vitamin-B1-Intoxikation ist nicht bekannt. Für Thiamin konnte aufgrund fehlender Hinweise auf relevante schädliche Wirkungen kein tolerierbarer oberer Zufuhrwert festgelegt werden.

B1 gehört damit nicht zu den B-Vitaminen, die bei üblichen Nahrungsergänzungsmitteln hinsichtlich einer Intoxikation im Vordergrund stehen.

Vitamin B2 – Riboflavin

Vitamin B2 beziehungsweise Riboflavin ist Bestandteil beziehungsweise Vorstufe wichtiger Coenzyme und damit an zahlreichen Stoffwechselreaktionen beteiligt. Es spielt insbesondere für den Energiestoffwechsel und die normale Zellfunktion eine wichtige Rolle.

Wie hoch ist der Tagesbedarf?

Auch hier hängt die Empfehlung unter anderem von Alter, Geschlecht und Energieumsatz ab.

Als Orientierung benötigen Erwachsene ungefähr:

Frauen: etwa 1,0–1,1 mg pro Tag
Männer: etwa 1,3–1,4 mg pro Tag

In welchen Lebensmitteln steckt Vitamin B2?

Besonders hohe Mengen finden sich in Innereien wie Leber und Niere. Gute Quellen sind außerdem Milch und Milchprodukte sowie verschiedene Käsesorten. Auch Eier, Fisch, Fleisch und Vollkornprodukte tragen zur Versorgung bei.

Milch und Milchprodukte stellen bei einer üblichen Mischkost eine wichtige Riboflavinquelle dar.

Was passiert bei einem Mangel?

Ein ausgeprägter Riboflavinmangel kann sich unter anderem durch Veränderungen an Mundwinkeln, Lippen und Mundschleimhaut bemerkbar machen. Auch Hautveränderungen können auftreten.

Was passiert bei einer Überdosierung?

Eine relevante klassische Intoxikation durch oral aufgenommenes Riboflavin ist nicht bekannt. Deshalb konnte auch für Vitamin B2 kein tolerierbarer oberer Zufuhrwert festgelegt werden.

Wer einen hoch dosierten B-Komplex einnimmt, kann allerdings ein auffälliges Phänomen beobachten: Der Urin kann sich intensiv gelb bis beinahe neongelb verfärben. Verantwortlich dafür ist vor allem Riboflavin. Diese Verfärbung sieht spektakulär aus, ist für sich genommen aber kein Zeichen einer Vergiftung.

Vitamin B3 – Niacin

Vitamin B3 umfasst insbesondere Nicotinsäure und Nicotinamid. Niacin ist Bestandteil wichtiger Coenzyme und damit unter anderem am Auf- und Abbau von Kohlenhydraten, Fettsäuren und Aminosäuren sowie am Energiestoffwechsel beteiligt.

Eine Besonderheit besteht darin, dass der Körper Niacin auch aus der Aminosäure Tryptophan bilden kann. Deshalb wird der Bedarf teilweise in sogenannten Niacinäquivalenten angegeben.

Wie hoch ist der Tagesbedarf?

Der Bedarf unterscheidet sich insbesondere nach Geschlecht, Alter und Energieumsatz.

Als grobe Orientierung für Erwachsene gelten:

Frauen: etwa 11–13 mg Niacinäquivalente pro Tag
Männer: etwa 14–16 mg Niacinäquivalente pro Tag

In welchen Lebensmitteln steckt Vitamin B3?

Gute Niacinquellen sind Fleisch, Geflügel und Innereien sowie Fisch, beispielsweise Thunfisch, Lachs oder Makrele. Auch Erdnüsse, Hülsenfrüchte, Pilze und verschiedene Getreideprodukte tragen zur Versorgung bei.

Zusätzlich kann der Körper einen Teil seines Niacins aus Tryptophan herstellen, das wiederum in eiweißreichen Lebensmitteln enthalten ist.

Was passiert bei einem Mangel?

Ein ausgeprägter Niacinmangel kann zur Pellagra führen. Klassischerweise stehen dabei Hautveränderungen beziehungsweise Dermatitis, Durchfall und neurologisch-psychiatrische Veränderungen im Vordergrund.

Was passiert bei einer Überdosierung?

Im Gegensatz zu B1 und B2 kann Vitamin B3 bei hoher Dosierung durchaus unerwünschte Wirkungen verursachen.

Dabei muss zwischen Nicotinsäure und Nicotinamid unterschieden werden. Nicotinsäure kann den bekannten Niacin-Flush auslösen: Die Haut wird plötzlich warm und rot, kann brennen oder jucken.

Bei wesentlich höheren beziehungsweise pharmakologischen Dosierungen sind weitere Nebenwirkungen möglich. Besonders bedeutsam ist eine mögliche Leberschädigung. Auch gastrointestinale Beschwerden und Veränderungen des Glukosestoffwechsels können auftreten.

Vitamin B3 gehört deshalb zu den B-Vitaminen, bei denen „viel hilft viel“ definitiv keine sinnvolle Strategie darstellt.

Vitamin B5 – Pantothensäure

Pantothensäure ist Bestandteil von Coenzym A und damit für zahlreiche Stoffwechselprozesse notwendig. Sie ist unter anderem am Auf- und Abbau von Fetten, Kohlenhydraten und Aminosäuren beteiligt.

Wie hoch ist der Tagesbedarf?

Für Pantothensäure wird für Erwachsene ein Schätzwert angegeben:

etwa 5 mg pro Tag

In welchen Lebensmitteln steckt Vitamin B5?

Der Name Pantothensäure leitet sich sinngemäß von „überall“ ab – und das passt recht gut, denn Pantothensäure ist in sehr vielen Lebensmitteln enthalten.

Gute Quellen sind beispielsweise Fleisch und Innereien, Fisch, Eier und Milchprodukte. Auch Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse und Pilze liefern Pantothensäure.

Was passiert bei einem Mangel?

Ein isolierter Vitamin-B5-Mangel ist aufgrund der weiten Verbreitung in Lebensmitteln sehr selten. Bei einem ausgeprägten Mangel können unter anderem Müdigkeit, gastrointestinale Beschwerden und neurologische Missempfindungen auftreten.

Was passiert bei einer Überdosierung?

Eine klassische relevante Vitamin-B5-Intoxikation ist nicht etabliert. Ein tolerierbarer oberer Zufuhrwert konnte deshalb nicht festgelegt werden.

Extrem hohe Mengen können allerdings gastrointestinale Beschwerden und insbesondere Durchfall verursachen.

Vitamin B6 – Pyridoxin und verwandte Verbindungen

Vitamin B6 umfasst mehrere vitaminwirksame Verbindungen, darunter Pyridoxin, Pyridoxal und Pyridoxamin.

Es spielt unter anderem eine wichtige Rolle im Aminosäurestoffwechsel, bei der Bildung verschiedener Neurotransmitter, im Homocysteinstoffwechsel und bei der Bildung von Hämoglobin.

Wie hoch ist der Tagesbedarf?

Die DGE empfiehlt für Erwachsene:

Frauen: etwa 1,4 mg pro Tag
Männer: etwa 1,6 mg pro Tag

Und genau diese relativ kleinen Zahlen sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man später auf die Dosierungen mancher Nahrungsergänzungsmittel schaut.

In welchen Lebensmitteln steckt Vitamin B6?

Vitamin B6 kommt sowohl in tierischen als auch in pflanzlichen Lebensmitteln vor. Gute Quellen sind Fleisch und Fisch, beispielsweise Lachs, Makrele oder Sardinen.

Auch Kartoffeln, Vollkorngetreide, Hülsenfrüchte, Paprika, Bananen sowie Nüsse wie Walnüsse und Haselnüsse tragen zur Versorgung bei.

Was passiert bei einem Mangel?

Ein ausgeprägter Vitamin-B6-Mangel kann unter anderem Haut- und Schleimhautveränderungen, eine Anämie sowie neurologische beziehungsweise neuropsychiatrische Beschwerden hervorrufen.

Was passiert bei einer Überdosierung?

Und damit kommen wir zu einem der wichtigsten Punkte dieses gesamten Artikels.

Ausgerechnet ein Vitamin, das für die normale Funktion des Nervensystems benötigt wird und entsprechend häufig mit „Nerven“ in Verbindung gebracht wird, kann bei langfristig zu hoher Zufuhr selbst das Nervensystem schädigen.

Eine chronische B6-Überdosierung kann eine periphere, insbesondere sensorische Neuropathie verursachen.

Betroffene können Kribbeln, Brennen oder Taubheitsgefühle an Händen und Füßen entwickeln. Hinzukommen können Sensibilitätsstörungen, Störungen der Tiefensensibilität und schließlich eine Unsicherheit beim Gehen bis hin zu einer sensorischen Ataxie.

Besonders wichtig ist deshalb der europäische Sicherheitswert: Die EFSA hat für Erwachsene einen tolerierbaren oberen Zufuhrwert von 12 mg Vitamin B6 pro Tag festgelegt.

Zum Vergleich: Der normale Tagesbedarf einer erwachsenen Frau beträgt etwa 1,4 mg und der eines erwachsenen Mannes etwa 1,6 mg.

Damit wird verständlich, weshalb es sich lohnt, bei hoch dosierten B-Komplexen tatsächlich einmal die Nährwerttabelle zu lesen.

Vitamin B7 – Biotin

Biotin ist vielen Menschen vor allem aus Nahrungsergänzungsmitteln für Haare, Haut und Nägel bekannt.

Biochemisch fungiert Biotin als Cofaktor verschiedener Enzyme und ist unter anderem am Fett-, Kohlenhydrat- und Aminosäurestoffwechsel beteiligt.

Wie hoch ist der Tagesbedarf?

Für Erwachsene gibt die DGE einen Schätzwert von:

40 µg Biotin pro Tag

an.

In welchen Lebensmitteln steckt Biotin?

Gute Biotinquellen sind beispielsweise Leber und Niere, Eier beziehungsweise Eigelb, Nüsse und Sonnenblumenkerne. Auch Haferflocken, Sojabohnen und Pilze enthalten Biotin.

Eine interessante Besonderheit betrifft rohe Eier: Rohes Eiklar enthält das Protein Avidin, das Biotin bindet und dadurch dessen Aufnahme im Darm beeinträchtigen kann. Durch ausreichendes Erhitzen wird Avidin denaturiert.

Was passiert bei einem Mangel?

Ein ausgeprägter Biotinmangel ist selten. Er kann unter anderem Hautveränderungen, Haarausfall und neurologische beziehungsweise neuropsychiatrische Symptome verursachen.

Was passiert bei einer Überdosierung?

Für Biotin ist keine klassische dosisabhängige Intoxikation etabliert. Ein tolerierbarer oberer Zufuhrwert konnte deshalb nicht festgelegt werden.

Trotzdem besitzt hoch dosiertes Biotin eine medizinisch ausgesprochen wichtige Besonderheit:

Es kann bestimmte Laboruntersuchungen verfälschen.

Biotin kann mit bestimmten Immunoassays interferieren und dadurch Laborwerte je nach Untersuchungsmethode falsch erhöht oder falsch erniedrigt erscheinen lassen.

Ein Vitamin muss also nicht unmittelbar toxisch sein, um bei hoch dosierter Einnahme medizinische Probleme verursachen zu können.

Vitamin B9 – Folat und Folsäure

Vitamin B9 wird häufig vereinfachend als Folsäure bezeichnet. Genau genommen sollte jedoch zwischen natürlich vorkommendem Folat und Folsäure beziehungsweise anderen für Nahrungsergänzungsmittel eingesetzten Folatformen unterschieden werden.

Folat wird insbesondere für Zellteilung und DNA-Synthese benötigt. Eine ausreichende Versorgung ist deshalb besonders in Phasen schnellen Zellwachstums bedeutsam und spielt in Schwangerschaft und Embryonalentwicklung eine besondere Rolle.

Wie hoch ist der Tagesbedarf?

Für Erwachsene empfiehlt die DGE:

300 µg Folatäquivalente pro Tag

für Frauen und Männer.

Für Frauen, die schwanger werden wollen oder könnten, besteht zusätzlich eine besondere Empfehlung zur Einnahme von Folsäure beziehungsweise geeigneten Folatpräparaten bereits vor Eintritt einer Schwangerschaft.

In welchen Lebensmitteln steckt Folat?

Gute natürliche Folatquellen sind vor allem grünes Gemüse und Blattgemüse. Dazu gehören beispielsweise Spinat, Salate, Brokkoli und verschiedene Kohlgemüse.

Auch Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Tomaten, Orangen, Nüsse und Leber können zur Folatversorgung beitragen.

Folat ist allerdings relativ empfindlich. Lange Lagerung, starke Verarbeitung und längeres Erhitzen können den Folatgehalt von Lebensmitteln reduzieren.

Was passiert bei einem Mangel?

Ein Folatmangel kann zu einer megaloblastären Anämie führen.

Besonders bedeutsam ist die Versorgung während der Schwangerschaft beziehungsweise bereits davor. Eine unzureichende Folatversorgung erhöht das Risiko für Neuralrohrdefekte des Kindes.

Was passiert bei einer Überdosierung?

Hier steht weniger eine klassische akute Vergiftung im Vordergrund.

Problematisch an einer hohen supplementären Folatzufuhr ist insbesondere ein gleichzeitig bestehender Vitamin-B12-Mangel. Die hämatologischen Veränderungen des B12-Mangels können durch Folat teilweise korrigiert beziehungsweise verschleiert werden, während neurologische Schäden des B12-Mangels weiter fortschreiten können.

Für Erwachsene liegt der europäische tolerierbare obere Zufuhrwert für die entsprechend berücksichtigten supplementären Folatformen bei 1.000 µg pro Tag.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass man folatreiches Gemüse begrenzen sollte. Dieser Sicherheitswert bezieht sich auf die entsprechenden Folatformen aus Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln.

Vitamin B12 – Cobalamin

Vitamin B12 ist unter anderem für die Blutbildung, DNA-Synthese und die normale Funktion des Nervensystems von entscheidender Bedeutung.

Wie hoch ist der Tagesbedarf?

Für Erwachsene gibt die DGE einen Schätzwert für eine angemessene Zufuhr von:

4,0 µg Vitamin B12 pro Tag

an.

Hier sieht man besonders eindrucksvoll, wie gering der physiologische Tagesbedarf eigentlich ist: Wir sprechen von Mikrogramm und nicht von Milligramm.

In welchen Lebensmitteln steckt Vitamin B12?

Hier unterscheidet sich B12 wesentlich von vielen anderen B-Vitaminen.

Für eine zuverlässige natürliche Versorgung sind insbesondere tierische Lebensmittel relevant. Besonders hohe Konzentrationen finden sich in Leber und anderen Innereien. Weitere Quellen sind Fleisch und insbesondere verschiedene Fisch- und Meeresfrüchte sowie Eier, Milch und Milchprodukte.

Bei einer rein veganen Ernährung kann die Vitamin-B12-Versorgung nicht zuverlässig über gewöhnliche pflanzliche Lebensmittel sichergestellt werden. Eine zuverlässige B12-Supplementierung beziehungsweise die Verwendung entsprechend angereicherter Lebensmittel ist deshalb erforderlich.

Was passiert bei einem Mangel?

Ein B12-Mangel kann zu einer megaloblastären Anämie führen.

Besonders bedeutsam sind jedoch die neurologischen Folgen. Möglich sind Parästhesien und Sensibilitätsstörungen bis hin zu ausgeprägten neurologischen Schädigungen.

Gerade diese neurologischen Veränderungen sind wichtig, weil sie bei länger bestehendem Mangel teilweise irreversibel werden können.

Was passiert bei einer Überdosierung?

Eine klassische dosisabhängige Vitamin-B12-Intoxikation ist nicht etabliert.

Für Vitamin B12 wurde deshalb kein tolerierbarer oberer Zufuhrwert festgelegt. Auch hohe orale Dosierungen werden therapeutisch eingesetzt.

Das sollte allerdings nicht mit der Aussage verwechselt werden, dass eine beliebig hohe B12-Zufuhr automatisch gesundheitliche Vorteile bringt. Ein fehlender oberer Grenzwert ist keine Empfehlung zur unnötigen Hochdosis-Supplementierung.

Der B-Komplex im Überblick: Wie viel brauchen wir eigentlich?

Wenn man die täglichen Referenzwerte nebeneinanderstellt, wird deutlich, dass unser Körper von vielen B-Vitaminen nur relativ geringe Mengen benötigt:

Vitamin B1: Frauen etwa 1,0 mg, Männer etwa 1,1–1,3 mg täglich
Vitamin B2: Frauen etwa 1,0–1,1 mg, Männer etwa 1,3–1,4 mg täglich
Vitamin B3: Frauen etwa 11–13 mg, Männer etwa 14–16 mg Niacinäquivalente täglich
Vitamin B5: etwa 5 mg täglich
Vitamin B6: Frauen etwa 1,4 mg, Männer etwa 1,6 mg täglich
Vitamin B7: etwa 40 µg täglich
Vitamin B9: etwa 300 µg Folatäquivalente täglich
Vitamin B12: etwa 4 µg täglich

Die genauen Referenzwerte können sich je nach Alter, Geschlecht sowie bei Schwangerschaft und Stillzeit unterscheiden. Die genannten Zahlen sollen deshalb vor allem eine Orientierung für gesunde Erwachsene darstellen.

Kann man einen Vitamin-B-Komplex überdosieren?

Damit lautet die Antwort: Ja – bestimmte Bestandteile eines Vitamin-B-Komplexes können in zu hoher Dosierung gesundheitliche Probleme verursachen.

Der häufig gehörte Satz „B-Vitamine sind wasserlöslich, deshalb wird alles, was der Körper nicht braucht, einfach ausgeschieden“ greift zu kurz.

Besonders relevant ist Vitamin B6. Eine längerfristig zu hohe Zufuhr kann periphere Neuropathien mit Kribbeln, Taubheitsgefühlen, Sensibilitätsstörungen und im ausgeprägten Fall Gang- und Koordinationsstörungen verursachen.

Auch Vitamin B3 beziehungsweise Niacin kann bei hohen Dosen Nebenwirkungen verursachen. Je nach verwendeter Form reichen diese vom charakteristischen Flush mit Hautrötung, Wärmegefühl und Juckreiz bis zu schwerwiegenderen unerwünschten Wirkungen bei sehr hohen Dosierungen, insbesondere einer möglichen Hepatotoxizität.

Bei Vitamin B9 steht weniger eine klassische akute Vergiftung als vielmehr das Risiko einer hohen langfristigen Supplementierung im Vordergrund. Besonders relevant ist die mögliche Verschleierung eines gleichzeitig bestehenden Vitamin-B12-Mangels.

Vitamin B7 beziehungsweise Biotin nimmt eine Sonderstellung ein: Eine klassische Intoxikation ist nicht bekannt, hoch dosiertes Biotin kann jedoch bestimmte Laboruntersuchungen verfälschen.

B1, B2 und B12 weisen dagegen nach gegenwärtigem Kenntnisstand keine etablierte klassische orale Toxizität auf. Auch für B5 konnte kein tolerierbarer oberer Zufuhrwert festgelegt werden, wobei extrem hohe Mengen gastrointestinale Beschwerden verursachen können.

Take-Home-Message: Bei diesen B-Vitaminen lohnt sich der Blick auf das Etikett

Wer regelmäßig einen Vitamin-B-Komplex einnimmt, sollte sich vor allem B6, B3 und B9 auf dem Etikett genauer ansehen.

Vitamin B6: Eine chronische Überversorgung kann das periphere Nervensystem schädigen. Der europäische tolerierbare obere Zufuhrwert für Erwachsene liegt bei 12 mg pro Tag. Warnzeichen können Kribbeln, Brennen, Taubheitsgefühle, Sensibilitätsstörungen oder zunehmende Gangunsicherheit sein.

Vitamin B3: Hohe Dosen können – abhängig von der verwendeten Form – Flush-Symptome und bei deutlich höheren Dosierungen weitere unerwünschte Wirkungen bis hin zu Leberschädigungen verursachen.

Vitamin B9: Bei supplementärem Folat liegt der europäische tolerierbare obere Zufuhrwert für Erwachsene bei 1.000 µg pro Tag. Besondere Bedeutung hat die mögliche Verschleierung eines Vitamin-B12-Mangels.

Vitamin B7: Keine klassische Intoxikation, aber hoch dosiertes Biotin kann bestimmte Laborwerte verfälschen.

Kann eine Überdosierung schneller entstehen, als man denkt?

Vor allem bei Vitamin B6 ist diese Frage durchaus berechtigt.

Der normale Bedarf liegt lediglich bei etwa 1,4 mg für Frauen beziehungsweise 1,6 mg für Männer pro Tag. Der europäische tolerierbare obere Zufuhrwert liegt bei 12 mg täglich.

Diese 12 mg stellen dabei keine „Vergiftungsgrenze“ dar, ab der am nächsten Tag neurologische Beschwerden auftreten. Ein UL bezeichnet vielmehr eine tägliche Gesamtzufuhr, die bei langfristiger Aufnahme voraussichtlich kein relevantes gesundheitliches Risiko darstellt. Mit zunehmender Überschreitung steigt die Sorge vor unerwünschten Wirkungen.

Besonders aufmerksam sollte man werden, wenn mehrere Nahrungsergänzungsmittel gleichzeitig verwendet werden. Vitamin B6 kann beispielsweise im B-Komplex stecken, zusätzlich in einem Magnesium-B6-Präparat und möglicherweise noch in einem weiteren Produkt, das für Nerven oder Energiestoffwechsel angeboten wird. Entscheidend ist dann nicht die Menge eines einzelnen Produktes, sondern die Gesamtzufuhr aus allen Quellen.

Und genau hier liegt vielleicht die wichtigste Botschaft des gesamten Themas:

B-Vitamine sind lebensnotwendig. Aber lebensnotwendig bedeutet nicht, dass eine möglichst hohe Dosierung automatisch besser ist.

Wer einen Vitamin-B-Komplex einnimmt, sollte deshalb nicht nur auf Begriffe wie „hoch dosiert“, „Premium“, „aktiv“ oder „Nerven-Komplex“ achten. Viel wichtiger ist der unscheinbare Blick auf die Mengenangaben auf der Rückseite.

Denn insbesondere bei Vitamin B6 kann ausgerechnet das Vitamin, das für eine normale Funktion des Nervensystems benötigt wird, bei dauerhaft zu hoher Zufuhr selbst zum Problem für die Nerven werden.

 

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